Zeitlos konkret

In meinem ersten Blogbeitrag habe ich meine groben Vorstellungen zu zeitgemäßem Lernen aufgeschrieben. Diesmal will ich konkreter werden.

Wie sieht zeitgemäßes Lernen aus? Was heißt zeitgemäß? Ich bin kein Freund von Begriffsdiskussionen, deswegen nenne ich meinen Ansatz mal ganz anmaßend “zeitlos“.

Was brauchen Kinder heute und in Zukunft? Wie funktioniert Lernen heute und in Zukunft? Was ist Schule, was ist meine Rolle als Lehrer – heute und in Zukunft?

Lernen ist Anleitung. Die wenigsten Kinder sind in der Lage sich den geforderten Stoff von Anfang bis Ende selbstständig und intrinsisch motiviert anzueignen. Als Lehrer muss ich erklären und Stoff verständlich, angemessen und anschaulich vermitteln. Das mache ich täglich in ca 3 20-30 minütigen geschlossenen Einheiten. Ich stehe an der Tafel erkläre die Inhalte, “sketchnote“ über mein interaktives Whiteboard in Onenote, kläre Schülerfragen und lasse das entstandene Tafelbild von den Kindern ins Heft übernehmen.

Lernen geschieht selbstständig. Von außen kann ich kein Wissen eintrichtern. Lernen braucht Motivation, die Kinder müssen es wollen. Motivation braucht Motive, wozu soll ich etwas lernen? Lernen braucht soziale Interaktion, Kooperation, Austausch, Feedback, Reflexion. Lernen ist individuell.

Für all diese Punkte folgt nach den geschlossenen Einheiten “Frazi“. “Frazi“ ist meine grundschultaugliche Abkürzung für „Freie ArbeitsZeit“. Und mit frei meine ich frei! Die Kinder dürfen tun und lassen, was sie wollen.

Naja, fast. Die Regeln sind:
1. Du darfst arbeiten was, wo und mit wem du willst. Zur Verfügung stehen mein Klassenzimmer, das Cluster und ein Nebenraum.
2. Du darfst jederzeit ohne zu fragen auf Toilette gehen.
3. Nimm Rücksicht und störe niemand.

Nachdem ich es in meiner 3. Klasse eingeführt habe, brauchten die Kinder eine Weile um sich an die Freiheit und die damit verbundene Verantwortung zu gewöhnen. Inzwischen lieben sie es fast noch mehr als ich.

Was machen die Kinder in Frazi? Ein paar Kinder spielen UNO oder DOUBLE (Regeleinhaltung, Sozialkompetenz, Entspannung), einige bearbeiten (freiwillig!) Deutsch- und Matheaufgaben in Buch und Arbeitsheften. Manche Kinder überlegen sich Themen (Dinosaurier, süße Tiere, schwarze Löcher) recherchieren dazu im Internet, erstellen ein Plakat, halten ein Referat. Eine Gruppe hat ein Filmprojekt angefangen, plant, bastelt Requisiten, filmt, versinkt in ihrer Begeisterung. Andere machen eine Online-Lernstandsdiagnose. Ich könnte endlos weiter aufzählen.

All das machen die Kinder selbstständig und nahezu ohne meine Hilfe. Und ich? Ich staune und freue mich. Dann helfe ich bei PC-Problemen, drucke gewünschte Bilder und Informationen aus, berate, reflektiere. Hole Kinder zu mir, die ich einzeln gezielt fördern möchte, habe Zeit zu organisieren, planen, vorzubereiten, mich zu freuen.

Was lernen die Kinder dabei? Sie lernen selbstständig Aufgaben zu wählen, ihre Lernzeit einzuteilen, Prioritäten zu setzen, geeignete Lernparter und -orte zu finden, Gruppenkonflikte auszutragen, ihren eigenen Anspannung-Entspannungs-Rhythmus zu finden. Sie lernen (von mir immer wieder vehement eingefordert) Verantwortung für ihr Lernen und ihre Lernergebnisse zu übernehmen. Manchmal ist Zeit für Interessen, manchmal Zeit ungeliebte Aufgaben zu erledigen. Sie lernen selbst zu denken und zu handeln, ohne mich zu fragen, ob sie eine volle Seite umblättern dürfen (Grundschulkollegen wissen wovon ich spreche).
Sie lernen, dass Lernen Spaß macht. Dass in der Schule auch Raum und Zeit für ihre Interessen ist. Sie lernen, dass sie für sich lernen und nicht für die nächste Probe oder ein gutes Zeugnis.

Ich habe von Kollegen gelesen, die der Meinung sind, dass wirklich bedeutsames Lernen in der Schule kaum stattfindet. Ich bin anderer Meinung. Es ist möglich. Als Lehrer kann ich den Kindern den Freiraum geben, in dem sie sich entfalten und nachhaltig lernen können.

Ich nenne meinen Ansatz „zeitloses Lernen“. Zeitlos, weil sowohl die Kinder als auch ich immer wieder vom Pausengong überrascht und ungeliebt in unserer Arbeit gestört werden. Zeitlos, weil ich mich an keinen 45-Minuten-Takt und keine Stundentafel halte. Zeitlos, weil in Frazi alles möglich ist: Lerntheken, Projekte, Arbeitshefte, Laptops, Tablets, Smartphones, …

Zeitlos aber vor allem deshalb, weil diese Idee von Unterricht so offen und flexibel ist, dass sie auch in vielen Jahren noch die Kinder auf ihr späteres Leben vorbereiten kann, weil sie die Kinder dazu befähigt, sich selbst auf das Leben vorzubereiten. Wenn und weil ich nicht weiß, wie die Zukunft der Kinder aussieht, welche Jobs sie haben, wie Gesellschaft funktionieren wird, muss ich sie dazu befähigen sich flexibel, selbstbewusst und kompetent an die jeweiligen Bedingungen anzupassen.

Auch wenn ich mit „zeitlos“ wieder einen neuen Begriff verwende, liegt mein Fokus doch auf dem Konzept von Unterricht. Wer dazu genauere und ausführlichere Informationen haben möchte, darf gerne nachfragen. Zwei Kolleginnen von mir praktizieren ihren Unterricht schon seit über 10 Jahren so. Ansonsten würde ich mich sehr über Kommentare freuen. Was denkt ihr dazu?

4 Kommentare zu „Zeitlos konkret

  1. Ich arbeite in Hamburg einer beruflichen Schule in der es keine geschlossenen Räume, sondern nur Compartments gibt. Unterricht bei uns würde ich ähnlich beschreiben wie du. Bei uns sind allerdings viele SuS die ein sehr negatives Bild von Schule und damit Lernen mitbringen. Mich würde eine Einblick in dein Konzept interessieren, denn ihr arbeitet sozusagen am Beginn der schulischen Sozialisation. Wie denkt ihr Lernen? Wo genau hakt es bei der offenen Organisation von Lernen? Was läuft besser als gedacht? Wie gehen die KuK mit? Was nehmen die Lernenden mit in die weiterführende Schule? Was sagen sie über euren Unterricht?

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    1. Hi
      Was genau sind Compartments? Wie kann ich mir das vorstellen?
      Schade, dass die SuS so negative Erfahrungen gemacht haben. Was meinst du woran das liegt?
      Sehr interessante Fragen stellst du da. Wie ich lernen denke, habe ich versucht in meinem Beitrag auszuführen. Oder zielt deine erste Frage in eine andere Richtung?
      Schwierigkeiten bei der Organisation sind zum einen bei der Aufsichtspflicht in mehreren Räumen. Dann sind da die Zwänge des Lehrplans und die Angst ihn nicht erfüllen zu können. Außerdem muss ich als Lehrer sehr flexibel sein um auf alles angemessen zu reagieren und muss es auch aushalten, wenn die Kinder mal eine Weile “nichts sinnvolles“ machen.
      Besser als gedacht läuft inzwischen, dass die Kinder wirklich gerne und motiviert auch an schulischen Themen arbeiten. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sie plötzlich um mehr Aufgaben bitten, selbstständig nach Hilfe fragen und zusätzliche Hausaufgaben machen. Einfach weil sie lernen wollen. Generell gehen die Kinder schon nach kurzer Zeit sehr verantwortlich mit der Freiheit um.
      Was mich wirklich überrascht hat, ist, dass sie sehr brav und fleißig auch bei Vertretungs- und Fachlehrern sind. Das war vorher gar nicht so.
      An die weiterführenden Schulen nehmen sie hoffentlich eine gehörige Portion Selbstvertrauen, Selbstständigkeit und Lernfreude mit. Leider haben mich noch keine ehemaligen Schüler besucht, die mir davon berichten können.
      Aktuell liebt meine Klasse Frazi, ist nie so konzentriert und motiviert beim arbeiten wie in dieser Zeit und auch für mich ist es das schönste Kinder zu sehen, die sich in der Schule wohl fühlen und begeistert lernen.

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