Alltagsstolz #1

Im Laufe des letzten Schuljahres habe ich ein für mich neues Konzept offenen Unterrichts kennen und lieben gelernt. Seitdem ich mich immer weiter einarbeite und austeste fühle ich mich zunehmend wohler.

In den letzten Wochen läuft es bei mir in der Klasse echt gut. Ich bin sehr glücklich und zufrieden in und mit meiner Klasse. Obwohl es natürlich jeden Tag viel Arbeit gibt, die Kinder mich sehr fordern und ich manchmal nicht weiß, welche To-Do-Liste ich zuerst abarbeiten soll, gehe ich jeden Tag gerne in die Schule.

Da ich an einer sogenannten „Brennpunktschule“ arbeite (ich mag diesen Begriff nicht), sind Schüler und Eltern teilweise sehr herausfordernd. Neben der Vermittlung meines Minimallehrplans und den nötigen Schul- und Alltagskompetenzen lege ich deswegen viel Wert auf das soziale Miteinander und trainiere es immer wieder ein. Das ist für die Kinder sehr anstrengend, aufregend, frustrierend.

Im Sportunterricht gibt es bei mir eine Zeit, in der die Kinder selbst ein Spiel wählen dürfen. Einzige Regel: Alle sollen mitspielen, die Klasse muss gemeinsam entscheiden. In der ersten Woche führte das dazu, dass sich die Klasse in Gruppen zersplitterte (vorneweg Jungen gegen Mädchen), sich anschrie, stritt, bockte, in die Umkleide floh, etc. Nach 15 Minuten Streit viel Frust, kein Spiel, intensive Reflexion.

In der zweiten Woche wandelte sich das Bild schon: Die Klassensprecher übernahmen von allen akzeptiert die Führung. Wieder wurden Vorschläge gesammelt, Interessen abgefragt, Mehrheiten gebildet. Doch dann begann ein demokratischer, sozialer Prozess. Die Klasse zog gemeinsam durch die Turnhalle von Kind zu Kind und von Grüppchen zu Grüppchen und überredete jeden einzelnen zum mitspielen, suchte Kompromisse, warben umeinander. Nach 15 Minuten viel kollegiale Arbeit, kein Spiel, Reflexion.

Bei der anschließenden Reflexion meldete ich der Klasse meine Beobachtungen („Ich fand es sehr spannend dich zu beobachten“) über ihren Lernfortschritt („Ich finde es stark wie du dich verbessert hast“) zurück, zeigte ihnen wo sie sich verbessert hatten und wie nahe sie am Erfolg waren. Aus dem Augenwinkel bekam ich mit, wie eine handvoll Jungs sich bei bestimmten (s.o.) Sätzen von mir übermäßig freuten. Anscheinend hatten sie vorher schon gewettet, welche Begriffe (spannend, interessant, stark, …) ich sagen würde… Bin ich so berechenbar? Das würde mich doch sehr freuen, weil es zeigt, dass die Kinder inzwischen wissen, was mir wichtig ist und beginnen, ihre Prozesse aus meiner Sicht zu sehen. #Alltagsstolz

Als die Klasse in die Umkleide ging, blieb ein Kind zurück. Traurig und frustriert fragte er mich, was das alles soll. Ob sie für mich Spielzeuge wären, mit denen ich spielen kann. Ob ich Spaß daran hätte, sie zu ärgern und zu frustrieren. Warum ich es nicht einfach bestimmen kann, welches Spiel gespielt wird. Wow! Was für tiefe Fragen und Bedürfnisse, was für ein tiefes Suchen nach Sicherheit und Führung. Lange und ruhig habe ich ihm meine Ziele (soziales Miteinander, Zusammenwachsen als Klasse, Kompromissbereitschaft, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit, Stärke, Frustrationstoleranz, ….) erklärt und ihm nochmal ihre Fortschritte aufgezeigt. Am Ende konnte ich ihm hoffentlich genug Mut machen, nicht aufzugeben, sondern weiter zu kämpfen für eine Einigung. #Alltagsstolz

Später im Klassenzimmer bat mich meine Klassensprecherin darum, ein paar Minuten mit der Klasse sprechen zu dürfen. Sie stellte sich vorn hin, mahnte zur Ruhe und führte ein langes Klassensprecher-Klassen-Gespräch, wann welches Spiel in Sport gespielt wird, wie verschiedene Bedürfnisse und Wünsche berücksichtigt werden können, bot Kompromisse an und plante nebenbei meinen Sportunterricht für das nächste halbe Jahr. Ich saß staunend und fasziniert daneben und beobachtete leicht belustigt, wie sie mich spiegelte: ihre Ausdrücke, ihre Gesten, ihre Gesprächsführung. Sie hat sich viel von mir abgeschaut und die Klasse ließ sich von ihr führen, wie von mir. #Alltagsstolz

Ich liebe es, die Kinder zu beobachten, sie zu fordern, zu überfordern und zum lernen anzuregen. Ich liebe es zu sehen, wie die Kinder Fortschritte machen, sich selbst übertreffen, stolz auf sich werden, zusammenwachsen und zusammen wachsen. #Alltagsstolz

Wo hast du ihn schon erlebt?

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