Freiheit und Verantwortung

In diesen Tagen verabschiedet sich meine Rektorin von der Schule und zieht weiter Richtung Schulamt. Auch wenn ich ihr diesen Karriereschritt persönlich sehr gönne, bin ich doch traurig eine geschätzte und kompetente Chefin zu verlieren.

Es ist absehbar, dass die Rektorenstelle erst zum neuen Schuljahr wieder besetzt wird. So waren die letzten Wochen von der Leitungsübergabe geprägt. Um unsere Konrektorin hat sich schnell ein Team aus engagierten und erfahrenen Kollegen gebildet, die sie zukünftig in vielen Aufgaben entlasten und unterstützen wird.

Als Systembetreuer und -administrator war ich auch mit eingebunden und so wurde ich Zeuge eines kurzen Dialogs zwischen Rektorin und Konrektorin:
Konrektorin: „Es ist schon schön, was für ein tolles und kompetentes Team wir hier haben.“
Rektorin: „Wenn man sie lässt.“

Mich hat das zum Nachdenken gebracht. Einerseits bin ich natürlich stolz, teil dieses engagierten, kompetenten Kollegiums zu sein. In den letzten Jahren habe ich es sehr genossen, dass unsere scheidende Rektorin sehr offen und zugänglich war für Neuerungen und Bedürfnisse aus dem Kollegium. Es gab von ihrer Seite wenig einengende Vorgaben, sodass alle ihren eigenen Weg finden und beschreiten konnten. So haben wir persönlich für uns, aber auch voneinander viel lernen können.

Andererseits erinnert es mich an meine Klasse. Ich gebe den Kindern viele Freiheiten und fordere dafür ein, dass sie die Verantwortung übernehmen. Für ihr Lernen, ihre Hausaufgaben, ihren Sitzplatz, ihr Nachfragen, ihre Hefteinträge, uvm.
Es gibt Tage, da bin ich mächtig stolz auf meine Klasse. Sie arbeiten gerne und motiviert zusammen, fragen nach, suchen Hilfe, sind kreativ, finden und bearbeiten eigene Themen, etc.

Leider gibt es auch die Schattenseite. Die Tage, an denen es mir schwer fällt, ich unzufrieden bin, ins Zweifeln komme. Die Tage, an denen die Kinder ihre Freiheit ausnutzen ohne die Verantwortung zu übernehmen. Tage, an denen sie spielen, malen, streiten, toben, … statt zu lernen. Tage, an denen sie es nicht schaffen, sich zu überwinden die Anstrengungen des Lernens auf sich zu nehmen. Tage, an denen ich verzweifle und ständig darüber nachdenke, was ich falsch mache und was ich ändern kann/muss, damit es besser läuft.

Diese Tage zerreissen mich innerlich, weil ich meinem antrainierten Reflexen widerstehen muss, Freiheiten zu entziehen, zu tadeln und zu strafen. Ich muss eine Balance finden zwischen der Freiheit der Schülerinnen und Schüler und meiner Verantwortung als Lehrkraft. Und ich muss jedes Mal aufs Neue Wege finden, den Kindern Hilfen und Strukturen zum Lernen zu geben, ohne sie aus ihrer Verantwortung zu entlassen.

Meistens entsteht daraus etwas Neues. Im Austausch mit der Klasse besprechen wir Unzufriedenheiten, Ansprüche, Verantwortungsübernahme, Anstrengungsbereitschaft, Wünsche und Bedürfnisse. Heraus kommen meistens neue Ideen, wie wir es in Zukunft anders machen wollen. Ob es besser wird, zeigt sich später. Aber wenn sich am Ende einer schwierigen und anstrengenden Diskussion alle Kinder ihr Logbuch nehmen um ein individuelles Lernziel zu formulieren, bin ich dann doch wieder stolz und freue mich auf die nächsten Wochen.

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