Corona, die Schule und ich

Heute werde gemäß den Statuten meines Blogs darüber berichten, wie es mir in der aktuellen Corona- und Schulkrise geht.

Obwohl ich an meiner Schule digitaler Vorreiter bin und versuche meinen Unterricht zeitgemäß und digital sinnvoll unterstützt zu gestalten, stehe ich den aktuellen Herausforderungen recht hilflos gegenüber. Ich stelle fest, dass dieses „homeschooling“ so gar nicht zu meinem unterrichtlichen und pädagogischen Konzept passt. Geht es da irgendwem anders? Ich brauche die Kinder bei mir, muss mit ihnen Angesicht zu Angesicht sprechen können, will Vorbild sein, klare Strukturen schaffen, Ruhe und Sicherheit ausstrahlen, individuelle Hilfe geben, uvm.

Im Twitterlehrerzimmer lese ich täglich von den Aktionen und Ideen meiner Kolleginnen und Kollegen. In der ersten Woche der coronabedingten Schulschließung gab es viel Material und Aufgaben, die alle miteinander teilten. Es wurden Lernplattformen, Aufgabensammlungen und Materialpakete erstellt, geteilt, geliked. Ich wollte auch mitmachen, wurde jedoch von Schulleitung, Datenschutzbeauftragten und den Gegebenheiten an meiner Schule ausgebremst. Meine Schulleitung hält meine Bemühungen für unnötig, der Datenschutzbeauftragte für nicht dsgvo-konform (Ich verstehe immer noch nicht, was das genau bedeuten soll.) Und dann die Umstände: In meiner 4. Klasse haben die wenigsten Kinder die nötigen technischen Geräte, Zugang zum Internet, eine E-Mail-Adresse und die nötige Ruhe und Kompetenz sich in (neue) Lernplattformen selbstständig einzuarbeiten. Die Eltern können nur punktuell und bedingt helfen.
Das alles lässt mich tatenlos, hilflos und frustriert zurück.

In der zweiten Woche verschob sich der Fokus im Twitterlehrerzimmer hin zum persönlichen Kontakt und Austausch mit den Schülerinnen und Schülern. Viele KuK schienen sich schnell an die neuen Umstände zu gewöhnen und reagierten professionell darauf. Es wurden die pädagogischen Stärken unserer Zunft sichtbar. Die Kinder und Jugendlichen wurden stärker als Individuen mit ihren jeweiligen Sorgen, Bedürfnissen und Ängsten wahrgenommen. Weniger Aufgaben, weniger Stress, mehr Fürsorge war der Grundtenor. Wieder wollte ich mitmachen, weil ich über die vergangenen 18 Monate intensiv an einer guten Beziehung zu den Kindern meiner Klasse gearbeitet habe und nun wieder vor einer scheinbar unüberwindbaren Mauer stand. Viele Eltern waren nicht oder nur sehr schlecht erreichbar. An die Kinder kam ich gar nicht heran. Und immer wieder las ich, wie wichtig jetzt doch der persönliche Kontakt sei.
Jetzt fühlte ich mich noch hilfloser und frustrierter.

Jetzt beginnt die dritte Woche Schulschließung und ich bin gespannt, was das Twitterlehrerzimmer noch so zu bieten hat. Ich erlebe hier zu Hause so meine Höhen und Tiefen und halte gerade mal kurz inne, um mir einen Überblick über meine persönliche Corona-Schul-Krise zu verschaffen:

Meine Erkenntnisse:

  • Ich habe mich in den letzten 1,5 Jahren selbst zu den fortschrittlicheren Lehrern gezählt, auch wenn mir bewusst war, dass ich mit vielen nicht mithalten kann. Doch auf diese Situation war ich trotzdem nicht vorbereitet.
  • Eine gute schulische Ausstattung mit digitalen Medien bringt mir gerade gar nichts. In meinem Klassenzimmer verstauben jetzt interaktives Whiteboard, Tabletkoffer und Laptops munter vor sich hin. Das Vorhandensein der Geräte bedingt noch kein schlüssiges Konzept für deren Einsatz, schon gar nicht in Krisenzeiten.
  • Ich halte mich selbst für einen passablen Lehrer, aber als Hauslehrer tauge ich nicht viel. Es fällt mir sehr schwer, meine eigenen Kinder zu motivieren und mit ihnen die gestellten Aufgaben zu machen. Und wie motiviere ich meine Klasse aus der Ferne, wenn es mir doch auch im Klassenzimmer nur schwer gelingt?
  • Schulen und Kinder sind sehr, sehr unterschiedlich. Während manche recht schnell reagieren, Clouds aufsetzen, E-Mail-Verteiler anlegen oder mit Material eskalieren, tut sich an anderen scheinbar wenig. Manche Eltern können fleißig mit ihren Kindern lernen und üben, andere sind mit ihrem eigenen Leben ausgelastet. An manchen Schulen arbeitet das Kollegium und Schulleitung eng zusammen, an anderen kämpft jeder für sich. Durch die derzeitige Situation treten solche und weitere Unterschiede stärker zutage. Vergleiche bedeuten Stress und Frust.
  • Grundschüler sind (glaube ich) mehr als andere Schüler (abgesehen von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf) auf den persönlichen Kontakt im Klassenzimmer angewiesen. Jugendliche an den späteren Schulen können sich meist schneller und selbstständiger in neue Plattformen einarbeiten, Nutzerkonten anlegen und in Kontakt zu Lehrkräften treten. Grundschüler sind da noch auf viel Hilfe, Anleitung und Struktur angewiesen.
  • Ich habe trotz allem eine tolle Klasse, die ich tatsächlich vermisse und tolle Klasseneltern, die mich und ihre Kinder in der derzeitigen Lage so gut sie können unterstützen.
  • Mein Arbeitsweg auf dem Fahrrad bringt mir den nötigen Ausgleich und die Bewegung tut mir gut. Das fehlt mir gerade.

Meine Ängste:

  • Dass mir manche Kinder untergehen und sie den Anschluss verlieren. Das trifft besonders die Kinder mit erhöhtem Förderbedarf oder sonderpädagogischen Förderbedarf, mit Lernschwierigkeiten oder sprachlichen Schwierigkeiten. Die Kinder, die auch in meinem Unterricht eine engere Struktur brauchen. Die, deren Eltern ihnen nicht helfen können (aus welchen Gründen auch immer)
  • Viele Eltern werden mit der häuslichen Enge und den Ansprüchen überfordert sein. Hoffentlich kommt es nicht zu Gewalt.
  • Die Leistungen meiner Schülerinnen und Schüler war schon vor der Schulschließung sehr heterogen. Ich fürchte, dass die Schere in der aktuellen Situation noch viel weiter aufgeht.

Meine Hoffnungen:

  • Viele KuK sind jetzt gezwungen digitale Medien für ihren Unterricht einzusetzen. Vielleicht findet ja der eine oder die andere daran Gefallen und erkennt das Potential auch für einen Unterricht nach Corona.
  • Je länger die Schulschließung dauert, desto weniger Sinn machen stupide Übungsaufgaben. Vielleicht entdecken einige den Charme und die Chance von offenen und kreativen Aufgaben.
  • Die Digitalisierung der Schulen geht nur schleppend voran. Hoffentlich erkennen jetzt noch mehr Verantwortungsträger und Entscheider die Notwendigkeit der Entwicklung und treiben diese nun verstärkt voran.
  • Der Datenschutz ist notwendig und richtig. Aber oft bremst er Unterricht und Pädagogik. Das sollte sich auch ändern.

Am Freitag, dem 13.03.2020, dem letzten Tag vor der Schulschließung meinte die Sonderpädagogin an meiner Schule, dass sie jetzt nach Hause fährt und alles, was sie zur Zeit erlebt aufschreibt um es zu dokumentieren. Ich finde das eine gute Idee. Es hilft sich zu erinnern (will ich das überhaupt???), die eigenen Gedanken und Gefühle zu sortieren (muss man das wirklich öffentlich tun???) und den Blick wieder nach vorne zu richten:

Meine Vorhaben:

  • Ich werde die Zeit in der Schule mit meiner Klasse wieder stärker genießen.
  • Ich will in Zukunft schon eher die E-Mail-Adressen der Eltern sammeln.
  • Die Coronakrise nicht mehr zu einer persönlichen Krise werden lassen.

Wenn ich jetzt nochmal so über meinen Blogbeitrag drüberlese, hoffe ich, dass ich diesmal nicht zuviel rumgejammert habe. Die aktuelle Situation empfinde ich als sehr herausfordernd und ich kann leider nicht mit guten Tipps und Leuchtturmprojekten aufwarten. Dafür hat das Twitterlehrerzimmer und das restliche Internet neben dem analogen „Altland“ viele andere Größen zu bieten. Mein Blog dient wohl eher dazu, mein Stolpern, Scheitern und Weitermachen zu dokumentieren.

In diesem Sinne: Bleibt gesund. Bleibt zuhause. Bleibt Lehrer/in.

2 Kommentare zu „Corona, die Schule und ich

  1. Das #Twlz ist wohl eher mehr Anregung, denn Abbild der Wirklichkeit. Lass dich nicht zu sehr beeindrucken bzw. demotivierend aus der Kurve werfen. Mir fehlt doch sehr häufig die Perspektive der SuS auf das Methodenfeuerwerk digitaler Art von einigen Kolleg:innen. Was sich in Blogbeiträgen sehr gut liest, muss noch lange nicht gut umgesetzt sein. 😉

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