Gesellschaftliche Dissonanzen

Heute schreibe ich mal meine Gedanken zur aktuellen gesellschaftlichen Lage. Das mache ich sonst nicht und es ist auch nicht Sinn und Zweck dieses Blogs, aber irgendwie habe ich gerade das Bedürfnis dazu.

Der Verlauf der Pandemie beschäftigt unsere Gesellschaft sehr. Politikerinnen und Politiker müssen dieses Land und seine Bürgerinnen und Bürger durch eine Zeit führen, auf die niemand vorbereitet ist. Von ihnen wird Weisheit und Weitsicht, Führungsstärke und Umsicht erwartet. Dabei scheint es mir fast unmöglich, die Fülle persönlicher Meinungen, Bedürfnisse und Interessen friedlich zu vereinen. Eine wachsende gesellschaftliche Spaltung macht die Lage noch unübersichtlicher und komplizierter. Maskengegner und Coronaleugner auf der einen Seite stehen „den braven Bürgern“ auf der anderen Seite unverständlich und unversöhnlich gegenüber. Warum ist das so und warum wird es schlimmer?

Am Anfang meiner Ehe habe ich ein Buch über gelingende Kommunikation in der Partnerschaft gelesen. Ich weiß leider nicht mehr, wie es hieß. Darin wurde zwischen zwei Arten von Problemen unterschieden: sachlichen und emotionalen.

Bei sachlichen Problemen kann/ sollte man helfen. Man kann diskutieren, logische Argumente vorbringen, überzeugen. Man kann sie lösen. Wenn etwas kaputt ist, kann es repariert oder ersetzt werden. Die Spülmaschine kann ausgeräumt, die Wäsche gewaschen werden. Ziel und Zeitpunkt von Urlaubsreisen können mit einer Pro-Contra-Liste ebenso ausdiskutiert werden, wie der Kauf eines neuen Autos oder ähnlichem.

Anders ist es bei emotionalen Problemen. Hier helfen Lösungsansätze und logische Argumente nichts. Jetzt hilft nur zuhören, sich für den anderen interessieren und versuchen ihn zu verstehen. Wenn meine Frau wütend ist, hilft es nicht, ihr zu erklären, warum ihre Wut ungerechtfertig ist. Wenn ich traurig bin, dann hilft es mir nicht zu hören, es sei nur halb so schlimm und anderen würde es viel schlimmer gehen. Das macht es nicht besser.

Ich glaube das ist ein Kernproblem beim aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Für viele Menschen ist die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens ein emotionales Problem. Sie sind wütend, traurig, verunsichert, verängstigt, verärgert, trotzig. Sie wollen Spaß, Freude, Lustigkeit. Während sie noch arbeiten und die Wirtschaft am Laufen halten müssen, wird ihnen das genommen, wofür sie arbeiten: Genuss, Abwechslung, Ausgleich.

Darauf reagiert „die Politik“ mit einem Apell an die Vernunft, mit Zahlen und logischen Argumenten. Zugehört wird nicht, sie sind ja „Covididioten“. Aber der Mensch ist eben nicht nur ein vernunftbegabtes, sondern auch ein emotionales Wesen. Das gilt es weder zu verleugnen noch abzuwerten.

Ich kann viele Maskenverweigerer kognitiv und emotional verstehen, auch wenn ich mich ihrer Weltsicht nicht anschließe. Es ist nicht schön, Maske zu tragen. Die politischen Maßnahmen schränken unsere Freiheiten ein. Ich finde es gut und wichtig, dass es Menschen gibt, die sich dagegen wehren. Sie halten jetzt gerade unsere Demokratie am Leben, weil sie die Politikerinnen und Politiker zwingen ihre Entscheidungen zu rechtfertigen und von Gerichten prüfen zu lassen. Diese Stimme, so schädlich sie für den Pandemieverlauf ist, darf in unserer Demokratie nicht verstummen. Das ist keine idiotische Stimme!

Ich will hier keine Seite verteidigen. Ich will für gegenseitiges Verständnis, Interesse und ein Miteinander werben. Corona ist für die eine Seite das sachliche Problem eines überlasteten Gesundheitssystems und einer schwächelnden Wirtschaft, für die andere Seite ist es das emotionale Problem fehlender Lebensfreude und persönlicher Herabwürdigung.

Im Klassenzimmerm, Zuhause und im öffentlichen Raum habe ich die Erfahrung gemacht, dass Zuhören und ein ehrliches, offenes, unvoreingenommenes Interesse am Gegenüber viele Konflikte entschärfen kann. Wir leben in einer lebendigen Demokratie, in der jeder seine Meinung öffentlich äußern darf und Politikerinnen und Politiker ihre Entscheidungen rechtfertigen und begründen müssen. Auch in Ausnahmesituationen. Gegenseitiger Respekt und die Akzeptanz anderer Meinungen wirkt der Spaltung entgegen und fördert den Zusammenhalten, den wir gerade so dringend brauchen.

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