Orientierung in digitalen Stürmen

Die Digitalisierung deutscher Lehr-Lern-Institutionen schreitet voran und während die Speerspitze des #twitterlehrerzimmer ganz vorn steht und dem Sturm zuruft, dass es zu langsam geht, hat der Großteil des Lehrkörpers zu tun, im Auf und Ab der Wellen aus Fortbildungen, Lehrerdienstgeräten und Appangeboten nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Ich will daher mal einen Versuch starten, all jenen Orientierung zu geben, die sie gerade brauchen können. Ich weise dabei nur eine mögliche Richtung, andere Wege führen auch zum Ziel.

Warum ich kein guter Leuchtturm bin und trotzdem Orientierung geben kann

Unterrichtsentwicklung braucht Zeit. Ich hatte diese Zeit. Seit nunmehr über 5 Jahren hinterfrage ich meinen Unterricht mit besonderem Fokus auf den Einsatz digitaler Medien. Ich habe in dieser Zeit viele Fortbildungen besucht, mich auf Twitter inspirieren lassen, vieles ausprobiert und bin immer wieder gescheitert.

Vor drei Jahren habe ich dann mit meinem Blog angefangen, um meine Gedanken zu strukturieren und meinen Lernweg zu dokumentieren. Als Gegenpart zu allen Leuchtturm-Lehrkräften auf Instagram und Twitter wollte ich dabei bewusst auch mein Scheitern, meine Stolpersteine dokumentieren. Ich wollte deutlich machen, dass nicht immer alles so glatt und reibungslos läuft, wie es Social Media suggeriert.

Überraschenderweise hat mich dann eine Redakteurin angeschrieben und mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, meine Gedanken und Erfahrungen zu publizieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch gar nicht den Eindruck, dass ich schon soweit wäre. Aber der Gedanke gefiel mir trotzdem und so sagte ich zu.

Die folgenden Monate, in denen ich an meinem Buch schrieb, waren für mich eine Zeit, in der ich meinen Unterricht stärker als je zuvor hinterfragte und reflektierte. Ich war auf der Suche nach meinem Konzept, meiner Idee von gutem Unterricht, meinen pädagogischen und didaktischen Zielen. Es hat mir dabei sehr geholfen, meine vielen Gedanken in Worte fassen zu müssen, sie zu strukturieren und zu systematisieren. Sie immer wieder auf ihre Plausibilität, ihre Praktikabilität und ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen: Macht dieser oder jener Gedanke nur in meinem Kopf oder meinem Klassenzimmer Sinn oder ist das auch für andere umsetzbar? Verstricke ich mich in schönen Gedankenkonstruktionen oder kann man das tatsächlich so umsetzen? Wie genau kann ich meine eigenen Ziele im Unterricht umsetzen und wie erkläre ich das? Wie kann ich hochgesteckte Bildungs- und Erziehungsziele so elementarisieren, dass sie in der Grundschule konkret umsetzbar sind?

Wenn ich mir mein Buch heute so anschaue und über meine weitere Entwicklung seitdem nachdenke, bin ich wohl eher ein Lotsenboot als ein Leuchtturm. Ich sehe mich immer noch als Lernender, auch wenn ich als Autor und Referent inzwischen noch stärker Lehrender bin als zuvor. Ich versuche weiterhin zu sehen und zu verstehen, wie ich anderen helfen und ihnen Orientierung geben kann.

Was bietet Orientierung für die eigene Unterrichtsentwicklung?

Heute ist das digitale Angebot noch größer als vor fünf Jahren. Dazu kommen mancherorts Lehrerdienstgeräte und zunehmender Druck aus Politik, Gesellschaft und Kollegium den eigenen Unterricht weiterzuentwickeln und digitale Angebote (Hardware und Software) sinnvoll und professionell im eigenen Unterricht einzusetzen.

Gerade als Einsteigerin in den digitalen Unterricht kann es dabei leicht zu Überforderung und Orientierungslosigkeit kommen. Welche der vielen Apps kann ich in meinem Unterricht sinnvoll einsetzen? Welche Fortbildung ist für mich relevant? Welche Ideen will ich konkret umsetzen? Und vor allem: Wie und womit fange ich an???

Unterrichtsentwicklung braucht Zeit, Energie und Nerven. Es ist ein langer, teils anstrengender Prozess Gewohntes und Vertrautes zu hinterfragen und zu verändern. Viele Strukturen und Abläufe wurden uns als „richtig“ und „gut“ beigebracht und vieles davon funktioniert auch oberflächlich gesehen. Vieles haben wir als „richtig und gut“ verinnerlicht. Da fällt es umso schwerer, dass zu verändern.

Für den Anfang empfehle ich eine schrittweise Öffnung des Unterrichts. Je nachdem, wo man da schon steht, geht es weiter. Ich habe angefangen mit einer Stunde pro Woche, in der die Kinder frei entscheiden konnten, was sie machen wollen. Dadurch konnten sie und auch ich mich langsam an die Offenheit gewöhnen und sie haben gelernt, selbstständig und zielgerichtet zu arbeiten, sich zu organisieren, die eigenen Interessen und Bedürfnisse zu entdecken, die Chancen digitaler Angebote zu nutzen und mit ihren Klassenkameradinnen und -kameraden zusammen zu arbeiten. Das sind wichtige Kompetenzen für das weitere Lernen und ein bedeutender Grundstein.

Schon allein dieser Schritt braucht Zeit. Zeit, in der ich die Kinder genau beobachten und neu kennenlernen konnte. Zeit, in der ich lerne, welche Grenzen und Strukturen die Kinder brauchen und wer wieviel Verantwortung übernehmen kann. Zeit, in der ich meinen Unterricht auf das Wesentliche konzentriere um Zeit für Offenheit zu haben. Zeit, in der ich bewusst wahrnehme, wie die Kinder lernen und welches Kind welche Hilfe braucht. Eine sehr wertvolle Zeit!

Für die weitere Unterrichtsentwicklung haben mir dann die 4K sehr geholfen. Auch wenn sie nicht unumstritten sind, haben sie mir als didaktische Ziele Orientierung für den Einsatz digitaler Medien gegeben. Gerne möchte ich hier auf den Aufsatz von Jöran Muuß-Merholz verweisen, der die 4K kritisch betrachtet hat und aus dessen Aufsatz ich viel für die Grundschulsicht lernen konnte.

Didaktische Ziele im Flipped Classroom

Die eigene Unterrichtsplanung dahingehend zu durchdenken, inwiefern mein Unterricht eine oder mehrere der 4K fördert und was die Kinder in meinem Unterricht am Erwerb dieser Kompetenzen behindert, hat mich ein großes Stück vorangebracht. So kann ich Medien, Methoden, Material, Zeitplanung, Unterrichtsorganisation, Sozialformen und vieles mehr zielgerichteter aussuchen und einsetzen. Mein subjektiver Eindruck meines Unterrichts lässt mich erahnen, dass das sinnvoll ist. Die Kinder arbeiten gerne und fleißig miteinander, das Klassenklima ist toll, die Lernmotivation hoch, individuelle Lernfortschritte vielerorts für mich und die Kinder sichtbar.

Stolpersteinnotiz: Das soll nicht heißen, dass es perfekt läuft. Manche Kinder nutzen die offenen Lernzeiten nicht zum lernen, Streitigkeiten und Rangeleien sind weiterhin an der Tagesordnung, manche Kinder wirken träge und lassen sich nur schwer motivieren, nicht immer habe ich Zeit für individuelle Förderung und manchmal geht mein Unterricht auch schief. Solange ich Kinder unterrichte und keine Ziegelsteine werde ich mich damit arrangieren müssen und immer wieder agil auf Probleme und Herausforderungen reagieren müssen.

Neben den 4K als didaktischen Zielen habe ich in einer intensiven Reflexions- und Denkphase während der Entstehungszeit meines Buches für mich pädagogische Ziele formuliert. Diese gehören für mich zu einem ganzheitlichen Ansatz guten digitalen Unterrichts unweigerlich dazu. Schließlich will ich nicht nur schicke Geräte und Apps einsetzen, sondern den gesamten Unterricht stückweise verändern. Im Laufe der Jahre sind sie mir so in Fleisch und Blut übergegangen, dass mein erzieherisches und pädagogisches Denken und Handeln diesen Zielen folgt.

Pädagogische Ziele im Flipped Classroom

Natürlich erreiche ich auch diese Ziele nicht bei jedem Kind innerhalb von zwei Jahren vollkommen und in Perfektion. Aber zum Glück bin ich auch nicht der erste, letzte und einzige Lehrer, den die Kinder in ihrem Leben haben und so trage ich meinen Teil bei ohne die alleinige Verantwortung für ihren Lebens- und Lernerfolg zu tragen.

Die Ausrichtung auf diese Ziele hat mich sich gebracht, dass ich viele Regeln und Gewohnheiten hinterfrage und ich mich häufig frage: Warum eigentlich (nicht)?

  • Warum dürfen die Kinder nicht selbst entscheiden, wann sie auf Toilette gehen?
  • Warum dürfen die Kinder nicht selbst entscheiden, wo und mit wem sie die Aufgabe bearbeiten?
  • Warum dürfen die Kinder nicht beim Arbeiten leise Musik hören?
  • Warum sollen sie diese Aufgabe jetzt unbedingt allein machen?
  • Warum dürfen die Kinder sich nicht ihren Banknachbarn wählen? Wozu braucht es eine feste Sitzordnung?
  • Warum gebe ich nicht manchen Kinder spontan andere Aufgaben, wenn ich doch merke, dass er/sie mit der Aufgabe über-/unterfordert ist?

Unterrichtsentwicklung braucht Zeit. Aber sie besteht aus so vielen kleinen Schritten, die man gehen kann. Viele kleine Veränderungen führen mit der Zeit zu großen Veränderungen. Kleine Schritte brauchen wenig Kraft und wenig Mut und können doch großes bewirken. Wenn man ein großes oder viele kleine Ziele vor Augen hat, sollte man sich auf den Weg machen. Vielleicht hilft dieser Blogbeitrag ja jemandem bei Suchen und Finden dieser Ziele und macht Mut für den nächsten kleinen Schritt.

Ich bin auch immer noch auf dem Weg. Meine Ziele sind eine Weiterentwicklung meiner Pädagogik. Ich will die Kinder noch besser verstehen und herausfinden, wie ich ihnen verständnisvoll begegnen kann. Ich glaube, dass in der Schule zuerst grundlegende Bedürfnisse erfüllt sein müssen, bevor die Kinder lernen können. Diese Bedürfnisse will ich lernen zu erkennen. Die Idee der bindungsorientierten Pädagogik finde ich da gerade sehr spannend. Ich werde berichten.

Außerdem brennt mir schon seit langer Zeit das Thema der neuen Prüfungsformate unter den Nägeln. Ich bin auf der Suche nach neuen Ideen, die ich dann ausprobieren und vielleicht weiterentwickeln kann. Gerade im Grundschulbereich stoßen schicke Ideen doch immer wieder an unvorhersehbare Grenzen und Herausforderungen. Da gibt es noch viel Bedarf. Ich werde berichten.

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